Universitätsstadt Bielefeld – Chancengerechtigkeit war gestern!

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Chancengerechtigkeit – Studieren darf keine Frage des Elternhauses sein

Bielefeld bezeichnet sich gerne als Wissenschafts- und Universitätsstadt. Rund 40.000 Studierende lernen an der Universität Bielefeld und den fünf Fachhochschulen der Stadt. Mit dem neuen Campus Bielefeld entsteht derzeit ein Zentrum für Forschung und Lehre, das beste Bedingungen für Studium und Wissenschaft schaffen soll. Doch während Millionen in Gebäude und Infrastruktur investiert werden, geraten immer mehr Studierende finanziell unter Druck. Ausgerechnet das BAföG, das wichtigste Instrument für sozialen Aufstieg sowie Chancen- und Bildungsgerechtigkeit, verliert zunehmend an Bedeutung. Damit droht das Bildungssystem wieder stärker zu einem Mechanismus der Reproduktion sozialer Ungleichheit zu werden, in dem die soziale Herkunft über Bildungs- und Lebenschancen entscheidet.

Gerade in Dornberg, wo aufgrund der Nähe zur Universität viele Studierende leben, sind die Folgen steigender Mieten und Lebenshaltungskosten unmittelbar spürbar.

Vor diesem Hintergrund klingen die Aussagen von Forschungsministerin Dorothee Bär wie blanker Hohn. Sie lehnt ein angebliches „Vollkaskostudium“ ab und erklärt, für die angekündigte BAföG-Reform gebe es in der Koalition keine Mehrheit. Dabei ist ein Studium kein Auto. Es ist eine Investition in die Zukunft junger Menschen – und zugleich in die Zukunft unserer Gesellschaft und Wirtschaft.

Auch Bielefeld profitiert in erheblichem Maße von seiner Universität. Viele Absolventinnen und Absolventen bleiben nach ihrem Studium in der Region, gründen Unternehmen, arbeiten in Forschung, Verwaltung, Bildungseinrichtungen oder Betrieben und sichern als Ärztinnen und Ärzte die medizinische Versorgung vor Ort. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt.

Und wenn wir schon bei Autovergleichen sind: Die geplante BAföG-Reform würde den Bund über die gesamte Legislaturperiode hinweg rund eine Milliarde Euro kosten. Für den Tankrabatt wurden dagegen innerhalb von nur zwei Monaten rund 1,6 Milliarden Euro verpulvert. Über eine Verlängerung dieser fragwürdigen Maßnahme wird sogar erneut diskutiert.

Schluss mit schiefen Vergleichen, Frau Bär!

Schluss mit schiefen Vergleichen, Frau Bär! Die soziale Lage vieler Studierender ist längst alarmierend. Während Mieten und Lebenshaltungskosten immer weiter steigen, geraten insbesondere Studierende ohne finanziellen Rückhalt aus dem Elternhaus zunehmend ins Hintertreffen. Gleichzeitig ist die Zahl der BAföG-Empfängerinnen und -Empfänger auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000 gesunken. Damit verliert das wichtigste Instrument für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zunehmend an Reichweite.

Die Wohnkostenpauschale von derzeit 380 Euro deckt längst nicht mehr die tatsächlichen Mietkosten. Mehr als ein Drittel der Studierenden lebt inzwischen unterhalb der Armutsgrenze. Kein Wunder also, dass laut einer Forsa-Umfrage bereits drei von vier Studierenden neben dem Studium arbeiten müssen.

Die Lebensrealität vieler Studierender wird ausgeblendet

Diese Entwicklung verlangt entschlossenes politisches Handeln – keine Floskeln. Frau Bär erklärt dagegen, es sei „kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben“. Tatsächlich mag ein Nebenjob in begrenztem Umfang für viele Studierende sinnvoll sein. Wer jedoch angesichts explodierender Lebenshaltungskosten, steigender Mieten und sinkender BAföG-Reichweiten Erwerbsarbeit zur Voraussetzung eines Studiums macht, verkennt die Studien- und Lebensrealität vieler junger Menschen.

Hinzu kommt, dass viele Studiengänge mittlerweile Pflichtpraktika, Praxissemester oder Auslandssemester vorsehen. Diese sind häufig zeitintensiv und nicht selten nur unzureichend vergütet. Wer tagsüber im Praktikum steht, soll abends jobben und nebenbei noch erfolgreich studieren? Das hat mit der Realität vieler Studierender wenig zu tun.

Die Aussage von Frau Bär, „Nebenjobs bringen niemanden um“, wirkt angesichts der Belastungen vieler Studierender nicht nur realitätsfern, sondern zynisch.

Bologna-Reform, Leistungsdruck und psychische Belastungen

Bereits heute zwingt das verschulte Bachelor-Master-System viele Studierende zu einem eng getakteten Studium. Steigende Zahlen von Stress-, Burnout- und Depressionssymptomen unter Studierenden zeigen, dass viele bereits an der Belastungsgrenze arbeiten. Da bleibt oft nur wenig Zeit für Erwerbsarbeit. Wenn zusätzlich immer mehr Zeit für die Finanzierung des Lebensunterhalts aufgewendet werden muss, leidet darunter nicht nur die Studienqualität, sondern auch die Chancengerechtigkeit. Ein Studium darf nicht davon abhängen, wie viel Zeit neben Vorlesungen, Seminaren und Prüfungen noch für Erwerbsarbeit bleibt.

Fragwürdige Aussagen

Irritierend ist zudem der Verweis von Frau Bär in der Fragestunde vom 22.04.2026, sie habe ihr Studium „selbst finanziert“. Diese Formulierung erweckt leicht den Eindruck, die Finanzierung sei ausschließlich durch eigene Erwerbsarbeit erfolgt. Tatsächlich erhielt sie als Tochter eines CSU-Bürgermeisters und USA-Austausch-Schülerin während ihres Studiums ein Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Umso mehr stellt sich die Frage, warum ausgerechnet jene Unterstützungsinstrumente, die jungen Menschen ein Studium unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern ermöglichen sollen, heute zunehmend infrage gestellt werden.

BAföG stärken statt soziale Ungleichheit verfestigen

Für eine Reform des BAföG gibt es keine Mehrheit in der Koalition? Dann sorgen Sie für diese Mehrheit, Frau Bär. Studierende brauchen keine Ausreden und keine überkommenen Floskeln. Sie brauchen eine Politik, die ihre Lebensrealität ernst nimmt und Bildung wieder als gesellschaftliche Investition begreift – nicht als Privileg derjenigen, die auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen können.

Wer die Reichweite des BAföG weiter schrumpfen lässt und steigende Lebenshaltungskosten ignoriert, nimmt in Kauf, dass soziale Herkunft wieder stärker über Bildungs- und Lebenschancen entscheidet. Das Ergebnis ist kein Mehr an Chancengerechtigkeit, sondern die Reproduktion sozialer Ungleichheit. Aus einem Instrument des sozialen Aufstiegs droht das Bildungssystem wieder zu einem Mechanismus zu werden, der bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten zunehmend verfestigt.

Angesichts steigender Mieten, sinkender BAföG-Quoten, der zunehmenden Belastungen durch das Bachelor-Master-System und wachsender finanzieller Unsicherheit wirken Dorothee Bärs Aussagen über angeblich „privilegierte Studierende“ nicht nur realitätsfern, sondern zynisch gegenüber den Lebensrealitäten vieler junger Menschen.

Man gewinnt den Eindruck, dass Studierende in dieser Debatte weniger als Leistungsträger von morgen denn als weiteres gesellschaftliches Problem dargestellt werden. In einer politischen Kultur, in der regelmäßig über vermeintlich „faule“, „unproduktive“ oder „belastende“ Gruppen gesprochen wird, dürfen offenbar auch Studierende als Zielscheibe pauschaler Verunglimpfung und Beleidigungen nicht fehlen: die angeblich „privilegierten Studenten“, die sich – so der unterschwellige Vorwurf – zu schade seien, neben dem Studium zu arbeiten. Eine Gesellschaft, die ihre Jugend verliert, verliert am Ende weit mehr als nur Fachkräfte – sie verliert Zuversicht, Innovationskraft und Zukunft.

Quellen:

(1) Bologna-Prozess: https://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess

(2) Dorothee Bär: https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothee_B%C3%A4r

(3) Bundestag LIVE: Regierungsbefragung mit Dorothee Bär vom 22.04.26 ab Minute 44:  https://www.youtube.com/watch?v=lqnU0j5hnv0

(4) Süddeutsche Zeitung Nr 125, Mittwoch/Donnerstag, 3./4. Juni 2026